In Essen-Rüttenscheid trafen wir uns am 26.08.2009 mit der jungen Gründerin der Wohngemeinschaft Essen, Judith Haselroth, und befragten sie zu ihrem Leben, ihren Projekten und ihren Zukunftsvisionen bezüglich der kreativen Designerplattform.
Judith war sehr aufgeschlossen und hat fleißig aus dem Nähkästchen geplaudert, und so kam ein exklusives Interview heraus, in dem interessante Ideen und persönliche Hintergründe vorgestellt werden.

 

RuhrpottGuerilla: Stell dich am besten kurz vor: Wer bist du und was machst du?

Judith: Mein Name ist Judith Haselroth und ich bin 37 Jahre alt. Geboren bin ich in Büren, lebe aber mittlerweile in Essen. Ich habe eine Ausbildung im großen Außenhandel und eine Fortbildung zur Handelsfachwirtin gemacht und danach Textilwissenschaft und Psychologie in Dortmund studiert. Hier in Essen habe ich mich dann letztes Jahr mit dem Ladenlokal „Wohngemeinschaft“ selbstständig gemacht.

RuhrpottGuerilla: Und was genau ist die „Wohngemeinschaft“, wie muss man sie sich vorstellen?

Judith: Das Projekt funktioniert im Grunde genauso, wie man sich eine Wohngemeinschaft vorstellt. Hier haben die kreativen Leute aus der Region die Fläche, ihre Produkte zu präsentieren und sich auszutauschen. Bei der Namensfindung stand die Frage im Vordergrund: Wie kann man eine Sache nennen, wo man ganz viel durcheinander findet? Und da kamen wir auf die Wohngemeinschaft. Da gibt es viele Charaktere, die man mal antrifft, mal nicht – wie hier auch. Momentan bin ich die meiste Zeit da. Ich hab aber auch eine studentische Hilfskraft, Bernadette. Dann gibt es den Björn, meinen Partner. Er ist immer Samstags da und berät die Kunden. Heike und Andreas sind für Corporate Design und Computertechnik zuständig.

RuhrpottGuerilla: Und dann gibt es ja noch die  
stets anwesende April und Pluto, den WG Hund.

Judith: Genau! April hat May abgelöst.
Die habe ich von einer Frau, die nach Mexiko
auswandern wollte und eine Schaufensterpuppe
loswerden wollte. Pluto hab ich vor circa 4 Monaten
aus dem Tierheim ausgelöst. Ich hatte anfangs
Bedenken, ob die Kunden ein Problem mit
dem Hund haben würden, aber alle freuen
sich immer und finden das toll.

RuhrpottGuerilla: Woher stammt die Idee       
zur „Wohngemeinschaft“ überhaupt,
gibt es dazu einen bestimmten Hintergrund?

Judith: Naja, ich hatte schon immer den
Wunsch etwas Kreatives zu machen.
Ich hatte auch schon vorher Handtaschen
genäht und mit Textilien zu arbeiten,
hat mir schon immer großen Spaß gemacht.

RuhrpottGuerilla: Und so kam die Idee zum Laden?

Judith: Ja, auch. Irgendwann hatte ich den Gedanken: Ach, 'nen Laden aufzumachen wär' doch echt super! Hab mir so ähnliche Lokalitäten in Hamburg und Berlin angeguckt und wollte unbedingt auch so was machen.

RuhrpottGuerilla: Wie schnell folgte dann die Umsetzung der Idee?

Judith: Durch Nebenjobs konnte ich schon ein bisschen reinschnuppern und wichtige Erfahrungen sammeln. Als ich den Laden entdeckt habe, stand er leer und war schon fertig renoviert. Mit der Vermieterin hab ich mich super verstanden, mit den Nachbarn auch, und auch so sprach alles dafür. Der Preis von dem Laden hat uns auch einen großen Schubs nach vorne gegeben. Jetzt oder nie! Hab ich mir da gedacht und zugeschnappt.

RuhrpottGuerilla: Was war dir denn bei der Umsetzung besonders wichtig?

Judith: Mir war vor allem sehr wichtig, mich wohl zu fühlen und kreative Leute zu unterstützen. Der Kontakt zu Menschen war immer ein bedeutender Aspekt meiner Planung und diesen kann ich mit dem Laden gut realisieren. Und wenn man mit seiner Idee den Menschen dann auch noch ein Lächeln aufs Gesicht zaubern kann, ist man umso glücklicher. Selbstverwirklichung ist sehr wichtig und hängt, meiner Meinung nach, stark mit der Selbstständigkeit zusammen. Ich glaube sowieso, dass wenn man an die Sache glaubt und dahinter steht, dann funktioniert es auch. Sicherlich muss auch finanziell alles passen, was diese Lage mir ja auch bietet.

RuhrpottGuerilla: Ihr habt aber auch noch nen Blog, mit dem ihr auf euch aufmerksam macht. Seit wann gibt es den und was hat es mit diesem auf sich?

Judith: Genau! Ich hätte nie gedacht, dass ein Blog so gut ankommt. Den haben wir so ca. 3-4 Monate nach der Eröffnung gestartet. Der Blog liegt mich sehr am Herzen, ich versuch so ein Mal im Monat mindestens zu schreiben und es macht mir total viel Spaß, aber einfach ist es echt nicht. Da versuche ich auch Bernadette, meine Praktikantin, einzuspannen, so geht das schon.

RuhrpottGuerilla: Triffst du alleine die Entscheidungen, welche Stücke in das Sortiment aufgenommen werden oder steht dir dabei jemand zur Seite?

Judith: Ich mach das mit Björn zusammen. Er ist Architekt und kann in großen Dimensionen denken, etwas minimalistisch, und ich denke in kleinen – so ergänzen wir uns sehr gut. Ich glaub, einer allein könnte das vielleicht gar nicht so schön umsetzen. Ich berate mich auch mit einer Freundin aus Bochum, der Inhaberin von Stückgut.

RuhrpottGuerilla: Und gibt es da bestimmte Kriterien, nach denen ihr dann das Sortiment zusammenstellt?

Judith: Es ist der Anspruch da, Schönes zu präsentieren. Uns war es vom Anfang an wichtig, ein schönes und vielseitiges Sortiment zu schaffen, was es nicht an jeder Ecke zu kaufen gibt. Es gibt jedoch auch Anfragen, die wir ablehnen müssen, weil sie nicht zu uns, zu unserem Lokal, passen.

RuhrpottGuerilla: Welche persönliche Beziehung hast du zu deinem Laden und den Ausstellungsstücken?

Judith: Ich kann das schwer sagen,                                 
aber ich glaube der Laden spiegelt viel
Persönlichkeit wider. Ich würd hier nichts aufnehmen,
was ich selber nicht gut finde. Wovon ich nicht
überzeugt bin, das funktioniert, glaub ich,
auch nicht so gut. Es ist schon sehr wichtig,
dass man seinen Ideen und sich selbst treu bleibt.

RuhrpottGuerilla: Viele Verkäufer würden vielleicht einen Laden in der Innenstadt bevorzugen, warum hast du       Essen-Rüttenscheid gewählt?

Judith: So' n Nobelviertel wäre, glaub ich, nichts für mich. Hier ist es einfach, aber echt.
Und zur Innenstadt ist es auch nicht allzu weit. Das liegt nicht mitten im Stadttrubel, aber doch relativ zentral. Ich kann hier auch die Tür auflassen, es ist nicht so laut und dreckig wie direkt an der Hauptstraße. Auch die Leute, die hier rein kommen, sind zu 99,9% nett und vertrauensvoll. Es gibt kaum jemanden, der klaut, was in einer anderen Lage vielleicht anders wäre. So kann ich den Laden auch ganz gut alleine schmeißen und habe so eine Sorge weniger.

RuhrpottGuerilla: Und welche Rolle spielt das Ruhrgebiet und speziell Essen bei dem ganzen Konzept?

Judith: Das Abgefahrene ist ja, dass vielleicht immer schon in anderen großen Städten kreative Projekte laufen, welche es im Ruhrgebiet noch gar nicht so gibt. Deswegen ist es umso mehr schöner, etwas zu machen, um den Leuten hier auch das Selbstbewusstsein zu geben: Man, wir können das auch! Es muss nicht Berlin, Hamburg oder München sein. Mein Selbstbewusstsein wurde durch den „New Comer Award 2008“ von „Essens Kreative Klasse Ruhr“ gestärkt, aber es muss noch weiter gehen. Es geht um diese Ruhr-Region und es ist wichtig, dass sie sich auch wie eine Region versteht und präsentiert, was insgesamt vielleicht auch schon fast Berliner Größe ist. Ich glaube fest, an eine positive Zukunft im Ruhrgebiet. Der Bedarf ist da, es kommen immer wieder Interessierte vorbei. Und gerade Essen gilt ja im Ruhrgebiet als eine Designstadt, Dortmund ist eher Technologiestadt. Und daher haben wir uns vom Anfang an gedacht, wenn, dann Essen!

RuhrpottGuerilla: Welchen Bezug hast du selbst zum Ruhrgebiet?

Judith: Studiert hab ich ja in Dortmund, hab dort ja auch die Künstler- und Kneipenszene kennen gelernt. Jetzt bin ich in Essen, hier wohne und arbeite ich, und erlebe hier ganz andere Seiten, zum Beispiel Natur und Wald. Ich versuche die Region stets neu zu entdecken und andere Perspektiven zu gewinnen. Ich mache auch ein persönliches Projekt „den Eltern das Ruhrgebiet näher bringen“. Die sind ja etwas ländlich geprägt, waren aber total begeistert, als wir zusammen auf Zollverein waren. Jetzt wird der RuhrKompakt-Führer nach und nach gemeinsam abgearbeitet.

RuhrpottGuerilla: Dann freust du dich sicherlich auch auf das kommende Ereignis Ruhr.2010?

Judith: Ja, klar! Es freut mich, dass sich alle Leute zusammen raufen und gemeinsame Projekte machen. Ich glaub da steckt viel Potential drin.

RuhrpottGuerilla: Glaubst du, dass auch das restliche Deutschland sich auf Ruhr.2010 freut und davon profitieren kann?

Judith: Ich war in Osnabrück, was ja nun nicht so weit ist, und hab da erzählt: 'Hey, habt ihr gehört? Ruhr.2010, das neue Ruhrgebiet!', aber keiner wusste da was von, sie haben noch nichts von der Kulturhauptstadt gehört. Auch in Hamburg, wo ich öfter bin, hat noch nie jemand was von gehört. Daher weiß ich gar nicht, welche Wellen Ruhr.2010 im Rest-Deutschland schlagen wird. Ich verteile immer Flyer, wenn ich unterwegs bin, und versuch mich da ein bisschen zu engagieren. Ich hoffe natürlich, dass bald ganz Deutschland Bescheid weiß und das Ruhrgebiet in aller Munde sein wird.

RuhrpottGuerilla: Stammen denn sämtliche Künstler, die bei euch ausstellen, eigentlich aus dem Ruhrgebiet oder sind auch welche von außerhalb vertreten?

Judith: Nicht alle sind aus dem Ruhrgebiet, denn dann wäre das Programm, meiner Meinung nach, zu eingeschränkt. Viele Künstler haben jedoch Verbindung zum Ruhrgebiet, weil sie hier geboren sind oder neu hinzugezogen sind. Es sind aber auch beispielsweise Handtaschen aus Italien dabei oder Kleidung aus Schweden. Ich möchte da eher flexibel bleiben und in erster Linie schöne Ware anbieten.

RuhrpottGuerilla: Hast du dir schon über neue Projekte Gedanken gemacht? Hast du eventuell bestimmte Ideen, die die „Wohngemeinschaft“ bereichern könnten?

Judith: Wir versuchen immer neue Sachen einzubringen, aber man muss halt gucken, was die Zeit mit sich bringt. Vielleicht wird das regionale Sortiment erweitert, wenn es klappt, wenn sich mehr Leute trauen. Man spinnt immer ein bisschen rum, so haben uns zum Beispiel die Silke von Stückgut und ich überlegt, dass es noch keinen schönen Schuhladen gibt und wir doch mal sowas machen könnten. Andere Kulturen zu entdecken wäre bestimmt auch ganz spannend, vielleicht ein Dorf in Afrika subventionieren, wenn's gut läuft. Aber auf jeden Fall weiter gute Sachen machen! Mein Traum ist es ja außerdem, einen Speaker's Corner zu etablieren. Man stellt 'ne Kiste auf, wo die Leute dann draufgehen und sagen können, was sie meinen und mögen.

RuhrpottGuerilla: Gibt es denn auch schon was konkretes?

Judith: Ja, es gibt sogar was konkretes. Und zwar gibt es da die „Design Comission Ruhr“ von der Stiftung Zollverein, mit denen wir uns verbündet haben, um die Leute aus dem Bereich Designwirtschaft hier im Ruhrgebiet zusammen zubringen. Wir sorgen dann für die Vernetzung zur besseren Kommunikation und auch für Beratung. Ich würde unheimlich gerne mein Wissen weitergeben und mit anderen teilen, Leuten helfen und sie beraten. Ich habe schon immer gerne vor Gruppen geredet oder Seminare gegeben, und so möchte ich gerne dabei bleiben und vielleicht so eine Art Coaching anbieten.

 

 

 

 

 

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